Im Amazonas Deutschlands

In Mecklenburg-Vorpommern gibt es ein Landschaftsgebiet, von dem man kaum glauben mag, dass es das so noch gibt: Ein Flußgebiet mit Niedermooren, Bruch- und Auenwäldern, Torfstichen und über 2000 seltenen Tier- und Pflanzenarten. Die Peene, in der Eiszeit entstanden, ist Heimat von Bibern, Fischottern, Seeadlern, Eisvögeln und Weißstörchen. Eine vom Menschen kaum veränderte Flußlandschaft mit über 100 Kilometern Länge lässt den Wasserwanderer und Naturfreund an den südamerikanischen Amazonas denken.



Die Peene hat drei Quellflüsse: Die Westpeene, die Kleine oder Teterower Peene und die Ostpeene.
Die Westpeene entspringt fünf Kilometer südlich von Gnoien. Bei Granzow erreicht sie den Großen See und fließt zur Teterower Peene. 12 Kilometer sind es von dort bis zum Kummerower See.
Die Kleine Peene fließt durch Teterow in den Teterower See. Die Ostpeene kommt aus dem Müritz-Nationalpark. Ihre Quelle liegt auf einem eiszeitlichen Höhenrücken, acht Kilometer östlich von Waren. In Malchin fließt ihr Wasser aus dem Malchiner See zu. Von Malchin bis zum Kummerower See wurde zwischen 1689 und 1692 die Ostpeene zum schiffbaren Peenekanal ausgebaut.


An der Peene liegen nur einige wenige Städte: Malchin, Demmin, Loitz, Jarmen, Anklam und Wolgast. Bei Demmin fließen von Süden die Tollense und von Nordwesten die Trebel in die Peene. Erreicht die Peene Loitz, nimmt sie die Wasser der Schwinge auf. Hinter Jarmen fließt die Swinow zu.


Die Peene weist eine Besonderheit auf: Sie hat ein geringes Gefälle - unter 30 cm auf gesamter Flußlänge. Das lässt die Strömung des Flusses auch mal rückwärts gehen. Der Fluß ist auf- und abwärts paddelbar. Das freut alle, die in kleinen Booten oder Kanus unterwegs sind. Es gibt keine Staustufen. Man findet keine Schiffshebewerke oder Umsetzungsstellen.


Die Peene umfasst ein Gebiet, das für die grössere Schifffahrt geeignet ist, und schmalere, ruhige Zonen, wo ausser Kajaks und Kanus kaum ein Wasserfahrzeug unterwegs ist. Und die Natur hat sich so üppig entfalten können, dass der Amazonas-Vergleich nicht übertrieben ist. Es gibt viele Wasserwanderrastplätze, Kanustationen, kleine versteckte Bootshäfen und Dörfer mit Fährstationen. Über die Peene führen nur wenige Brücken, und diese meistens in den grösseren Ortschaften, zum Beispiel bei Loitz. Dort befindet sich die älteste Handdrehbrücke Europas, die noch in Betrieb ist.


Der Naturfreund findet dichte Schilfgürtel, die vielen Wasservögeln wie Schwänen, Rallen und Reihern Schutz bieten. Teich- und Seerosen säumen die Uferränder, so dass die Paddel sich öfter mal verhakeln, wenn man zu dicht ans Ufer kommt. Das Wasser ist klar bis zum Grund. Keine Frage, dass viele Fischarten die Peene bevölkern. Angler und Fischer landen ziemliche Erfolge. Und Fisch gibt es in den anliegenden Dörfern in den Gasthöfen in jeder Form und super lecker. Zum Beispiel im Fährkrug Stolpe. Auch dort gibt es einen Kanuverleih.

Empfehlenswert ist eine Kanutour von Stolpe nach Menzlin. Dort, im Naturschutzgebiet im Tal der Biber, in der heutigen Gemeinde Ziethen nahe Anklam, befindet sich ein wikingerzeitlicher Handelsplatz. Sein ursprünglicher Name ist unbekannt, aber Ausgrabungen zwischen 1965 und 1969 bewiesen die Bedeutung der circa 18 Hektar grossen Siedlung auf einer Sandkuppe nahe der Peene.
Auf einer drei Hektar grossen Fläche kann man Brandgräber besichtigen: acht Schiffsetzungen und elf Steinkreise aus dem 8. - 12. Jahrhundert. So etwa bekommt man sonst nur in Schweden zu sehen. In den Gräbern fanden Archäologen Beigaben aus Skandinavien, dem Baltikum und aus Irland. Es handelt sich um Frauengräber – Schmuck- und Perlenfunde bewiesen das. Die Männergräber wurden vermutlich noch nicht entdeckt oder waren uncharakteristisch ausgestattet.
Archäologische Taucher fanden auch Reste einer Brücke über die Peene, um 812 n. Chr. erbaut.


Es muss Handelsbeziehungen von und nach Skandinavien und in die slawischen Gebiete gegeben haben. Es wurden Gegenstände, Waffen, Schmuck und Perlen aus Amethyst, Bergkristall, Karneol und Schiefer gefunden, die nicht in Menzlin hergestellt werden konnten, weil es die Materialien hier gar nicht gab. Die Via Regia hat Menzlin berührt. Adam von Bremen, der erste große deutsche Geograph, beschrieb in der Hamburgischen Kirchenchronik um 1075 einen Landweg von der Elbemündung nach Wollin und Stettin, der Menzlin eingeschlossen hatte. Händler brauchten im 11. Jahrhundert sieben Tage für diese 350 Kilometer lange Strecke. Die Via Regia war die bedeutendste Ost-West-Strasse im Norden der mittelalterlichen slawischen Siedlungsgebiete.
Die Archäologen fanden Reste einer Wikingerstrasse von 800 m Länge, 840 n. Chr.erbaut.


Um 1676 errichtete der Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg ein Heerlager bei Menzlin. Das brachte Menzlin den Beinamen „Altes Lager“ ein. Die sumpfige Peeneniederung verhinderte den Angriff auf Anklam von Norden her. Die Brandenburger bauten zwischen Menzlin und Görke eine Brücke und am Zugang zum Peenedamm eine Redoute (geschlossene Schanze). Die Schweden übergaben nach sechswöchiger Belagerung durch die Brandenburger die Stadt Anklam an den Kurfürsten.


Von Menzlin kann man mit dem Kanu bis nach Anklam paddeln. Von Anklam sind es noch 10 Kilometer bis zum Peenestrom. Der Wassersportler hat die Wahl an der Mündung: Weiter ins Achterwasser oder ins Kleine Haff, an der alten Eisenbahn-Hubbrücke Karnin vorbei, durch die „Kehle“ in den Usedomer See zu paddeln. Die Reise könnte auch auf polnischem Gebiet enden, auf Wollin. Ganz bestimmt soll dort ja Vineta gewesen sein. Zugegeben, zu 100 Prozent ist das nicht beweisbar, und die Barther und die Koserower auf Usedom melden auch ihre Ansprüche an. Aber es paßt so schön in eine Abenteuerreise, wenn man auf einem Fluß unterwegs war, auf dem sagenhafte Schätze transportiert wurden . Warum nicht auch nach Vineta, dass durch seinen Hochmut über seine Macht und seinen Reichtum untergehen mußte.





Autor: Kräuterfee
Veröffentlicht am:
Montag, 4. April 2011, 13:38 Uhr
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